Der Anbohrschutz ist eine Sicherheitseigenschaft von Schließzylindern und Schlössern, die verhindert, dass ein Einbrecher den Zylinder oder das Schloss mit einer Bohrmaschine zerstört und so die Tür öffnet. Beim sogenannten Aufbohren versucht der Täter, die innenliegenden Zuhaltungen oder den Zylinderkern durch gezieltes Bohren zu beschädigen oder zu zerstören, um das Schloss außer Funktion zu setzen. Der Anbohrschutz stellt damit eine der wichtigsten passiven Schutzmaßnahmen gegen mechanische Einbruchsversuche dar.
In der modernen Schließtechnik ist der Anbohrschutz ein zentrales Qualitätsmerkmal, das bei der Auswahl hochwertiger Sicherheitszylinder unbedingt berücksichtigt werden sollte. Er ist eng verwandt mit dem Begriff Aufbohrschutz, wird in der Praxis aber oft synonym verwendet. Zertifizierungsstellen wie VdS oder das SKG-Prüfinstitut testen und bewerten den Anbohrschutz als Teil umfassender Sicherheitsprüfungen, die auch in den Widerstandsklassen nach DIN EN 1627 einfließen.
Wie funktioniert der Anbohrschutz technisch?
Der Anbohrschutz basiert auf dem Einsatz besonders harter Materialien an den neuralgischen Punkten eines Schließzylinders. Hersteller verbauen an den Stellen, die für einen Angreifer mit der Bohrmaschine erreichbar und sicherheitsrelevant sind, gehärtete Stahlstifte, Hartmetallkugeln oder spezielle Bohrkerne aus Sinterstahl. Diese Einlagen sind so hart, dass herkömmliche Bohrköpfe daran abgleiten oder schnell verschleißen, ohne nennenswerten Fortschritt zu erzielen.
Besonders gefährdet ist der Bereich direkt hinter der Stirnseite des Zylinders, wo die Zuhaltungsstifte sitzen, sowie die Kernzone des Zylinderkerns selbst. Hochwertige Zylinder schützen diese Zonen durch mehrere übereinanderliegende Schutzschichten aus Hartmetall. Einige Hersteller integrieren zusätzlich rotierende Stahlscheiben, die bei Bohrkontakt mitdrehen und so den Bohrer ablenken, anstatt ihm Widerstand zu bieten – ein cleverer Mechanismus, der den Angreifer zusätzlich verzögert.
Arten des Anbohrschutzes
- Hartmetallstifte: Die klassische Variante – gehärtete Stahlstifte oder Sinterhartmetall-Einlagen werden an kritischen Positionen im Zylinder verbaut. Sie sind günstig in der Herstellung und bei Mittelklasse-Zylindern weit verbreitet.
- Hartmetallkugeln: Kugelförmige Einlagen haben den Vorteil, dass sie einen auftreffenden Bohrer in alle Richtungen ablenken können. Sie sind besonders effektiv gegen präzises, gezieltes Bohren.
- Rotierende Schutzscheiben: Drehbare Stahlscheiben, die bei Kontakt mit dem Bohrer mitrotieren, finden sich vor allem in Premium-Zylindern. Sie kombinieren mechanischen Widerstand mit einer aktiven Ablenkungswirkung.
- Gehärtete Zylinderhülse: Manche Hersteller fertigen die gesamte Außenhülse des Zylinders aus besonders hartem Stahl, was das Ansetzen des Bohrers bereits an der Oberfläche erschwert.
- Kombinierter Schutz: Hochwertige Sicherheitszylinder kombinieren mehrere dieser Methoden und ergänzen den Anbohrschutz durch Kernziehschutz, Pickingschutz und Aufbruchschutz zu einem umfassenden Sicherheitspaket.
Sicherheitsklassen und Zertifizierungen
Die Wirksamkeit des Anbohrschutzes wird durch unabhängige Prüfinstitute bewertet. In Deutschland sind vor allem die VdS-Zertifizierung und die SKG-Zertifizierung (aus den Niederlanden, aber in Deutschland weitverbreitet) relevant. Beim SKG-System zeigen ein, zwei oder drei Sterne den Sicherheitsgrad an – drei Sterne entsprechen dem höchsten Schutz und schließen einen ausgeprägten Anbohrschutz ein.
Die europäische Norm DIN EN 1627 definiert Widerstandsklassen (RC 1 bis RC 6) für Türen und Schließsysteme. Ab Widerstandsklasse RC 2 wird von Herstellern ein wirksamer Anbohrschutz erwartet. Für den privaten Einbruchschutz empfehlen Fachleute mindestens RC 2, für erhöhte Anforderungen RC 3. In meiner täglichen Praxis in Wiesbaden und der Rhein-Main-Region sehe ich leider immer wieder Türen, bei denen günstige Zylinder ohne jeglichen Anbohrschutz verbaut wurden – ein unnötiges Sicherheitsrisiko.
Anbohrschutz im Zusammenspiel mit dem Schutzbeschlag
Ein Schließzylinder mit hervorragendem Anbohrschutz entfaltet seine volle Wirkung nur dann, wenn er durch einen passenden Sicherheitsbeschlag oder Schutzbeschlag ergänzt wird. Der Beschlag schützt den Zylinder von außen mechanisch: Er verhindert, dass ein Angreifer den Bohrer überhaupt präzise am Zylinder ansetzen kann, und schützt zudem vor dem Abbrechen oder Abdrehen des überstehenden Zylinderteils.
Besonders wichtig ist dabei, dass der Profilzylinder nicht zu weit aus dem Beschlag herausragt. Ein sogenannter Profilzylinder-Überstand von mehr als drei Millimetern macht den Zylinder angreifbar – sowohl für Bohr- als auch für Ziehangriffe. Als Fachmann empfehle ich immer, Zylinder und Beschlag aufeinander abzustimmen und den Zylinder bündig oder leicht versenkt einzubauen. Gerade bei älteren Türen in Wiesbaden und Mainz ist ein zu langer Zylinder ein häufiger Befund.
Worauf sollten Sie beim Kauf achten?
- Zertifizierung prüfen: Achten Sie auf VdS-Anerkennung oder SKG-Prüfzeichen (mindestens zwei Sterne, besser drei). Diese Angaben finden sich auf der Verpackung oder im Datenblatt des Herstellers.
- Widerstandsklasse: Für normalen Wohnungsschutz empfiehlt sich mindestens RC 2, für Erdgeschoss oder besonders gefährdete Objekte RC 3.
- Markenhersteller bevorzugen: Hersteller wie ABUS, BKS, Assa Abloy, Keso oder Evva bieten nachweislich geprüfte Anbohrschutz-Eigenschaften. Billigzylinder aus unbekannten Quellen bieten hier oft keinerlei Schutz.
- Kombination der Schutzmechanismen: Ein guter Zylinder sollte neben dem Anbohrschutz auch über Pickingschutz und Kernziehschutz verfügen.
- Passender Beschlag: Kaufen Sie Zylinder und Beschlag immer als aufeinander abgestimmtes System oder lassen Sie sich vom Fachmann beraten.
Zylinder mit solidem Anbohrschutz sind bereits ab etwa 19 Euro erhältlich, hochwertige Sicherheitszylinder mit umfassendem Schutzpaket kosten je nach Hersteller und Ausführung mehr – die Investition lohnt sich jedoch im Vergleich zu den Kosten und dem Ärger eines Einbruchs.
Tipps vom Fachmann: Anbohrschutz in der Praxis
In meiner langjährigen Tätigkeit als Schlüsseldienst in Wiesbaden und der gesamten Rhein-Main-Region habe ich bei Türöffnungen nach Einbrüchen immer wieder festgestellt, dass Täter gezielt Türen mit schwachen oder fehlenden Anbohrschutz-Zylindern auswählen. Ein Aufbohrversuch dauert bei einem ungeschützten Zylinder oft nur wenige Minuten – bei einem zertifizierten Sicherheitszylinder hingegen scheitern die meisten Täter oder geben nach kurzer Zeit auf.
Mein dringender Rat: Lassen Sie Ihren vorhandenen Zylinder von einem Fachmann begutachten. Wenn kein Anbohrschutz vorhanden ist oder der Zylinder älter als zehn Jahre ist, ist ein Austausch sinnvoll. Ein Zylinderwechsel ist eine der kosteneffizientesten Sicherheitsmaßnahmen überhaupt. Wer zusätzlich einen Panzerriegel oder eine Mehrfachverriegelung nachrüstet, erhöht den Schutz nochmals deutlich – denn selbst ein aufgebohrter Zylinder öffnet die Tür nicht, wenn zusätzliche Riegel vorhanden sind.